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Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e. V. Landesverband Baden-Württemberg /
Kompetenzforum Homöopathie und Anthroposophie:

Podiumsdiskussion „Komplementärmedizin im deutschen Gesundheitssystem:
Quo Vadis?“ am 16.09.2009 in Stuttgart

Politik:
Komplementärmedizin soll gefördert werden / Evidenzforschung ist gefragt

Stuttgart. Einig waren sie sich schon: Die Komplementärmedizin solle gestärkt werden – aber über das „Wie“ wurde lebhaft gestritten. Auf der Podiumsdiskussion „Komplementärmedizin im deutschen Gesundheitssystem: Quo Vadis?“ des Kompetenzforums Homöopathie und Anthroposophie im Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie Baden - Württemberg diskutierten Politiker und Kandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien über Chancen und Realität bei der Akzeptanz und Anwendung von Arzneimitteln und Anwendungen der Komplementärmedizin.

Biggi Bender, Stuttgarter Bundestagsabgeordnete für die Grünen, Marion Carola Heß, Diplomkauffrau und Kandidatin der FDP in Stuttgart, Dr. Stefan Kaufmann, Rechtsanwalt und CDU-Kandidat für Stuttgart, Ute Kumpf, SPD-Bundestagsabgeordnete aus Stuttgart und Dr. Daniel Rühmkorf, Arzt und Referent für Gesundheitspolitik und Pflege der Bundestagsfraktion Die Linke konnten aus eigener Erfahrung von der Wirksamkeit der Komplementärmedizin – seien es homöopathische Mittel oder pflanzliche Salben – berichten.

Bender erläuterte die Schwierigkeiten, im Bundestag bei Beratungen zur Gesundheitsreform Verbündete für eine Stärkung der Komplementärmedizin zu finden: „Ich werde bisweilen als eine Art Kräuterhexe in die Ecke gestellt“. Der Fortschrittsglaube der Apparate-Medizin helfe nicht immer weiter. Dr. Rühmkorf unterstrich das: „Medizin ist dazu verkommen, Reparaturbetrieb zu sein“. Ärzte müssten sich mehr Zeit für den Menschen nehmen können –und das auch bezahlt bekommen. Allerdings sei, so Heß, die Schnelllebigkeit auch Zeichen unserer Zeit: „Wegen einer Grippe zwei Wochen zuhause bleiben, traut sich keiner mehr“.

Dabei sei es durchaus möglich, mit Komplementärmedizin die Kräfte im Menschen selbst zu aktivieren – dazu rät Ute Kumpf. Das würde auch Kosten sparen, so Dr. Kaufmann: „Die Anthroposophische Medizin nimmt den Menschen ernst“. Man müsse auf Erfahrungen bauen und nicht immer kostenintensive schulmedizinische Behandlungen und Vorsorgemaßnahmen einsetzen.

Wichtig sei besonders für die Komplementärmedizin, so die Politiker beinahe unisono, dass die Wirksamkeit mit geeigneten Mitteln überprüft und bestätigt wird. Eine pharmaunabhängige steuerfinanzierte Forschung könnte hier Abhilfe schaffen. Kumpf: „Wir schreiben ja von der Politik aus nicht vor, was angewandt werden darf“. Dafür seien die Selbstverwaltungen letztendlich zuständig. Auch Dr. Kaufmann forderte eine verstärkte Evidenzforschung, fragte aber auch zur Anwendung: „Wie können wir das in größerem Maße finanzieren?“ und schlug die steuergeförderte Forschungsfinanzierung vor.

Bei den konkreten Zielen und Absichten war die Unterstützung der Komplementärmedizin durch die Parteien differenzierter: Auf die Publikumsfrage, was konkret getan werde, hoben Dr. Kaufmann und Heß die Wahlfreiheit des Patienten hervor. Dazu müssten die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dazu gehörte, so Dr. Kaufmann, dass eine Beteiligung der Vertreter der Komplementärmedizin in der Selbstverwaltung des Gesundheitswesens zu empfehlen sei.

Kumpf stellte klar, dass eine Solidarversicherung für sie das einzig mögliche Modell ist. Man müsse mehr Geld in das System bekommen. Auch sie unterstrich die Bedeutung der Selbstverwaltung und die notwendigen Anstrengungen der Anbieter von alternativen Heilmethoden, durch Evidenzforschung hier mehr Gehör zu finden. Für Dr. Rühmkorf war wichtig: Es dürfe keine Wohlstandmedizin geben, die von Zuzahlungen abhängig sei. Entscheidend sei dabei der Nachweis der Wirksamkeit der jeweiligen Therapie. Man müsse allerdings auch darüber nachdenken, wie man die durchschnittlich achtzehn Arztbesuche pro Versicherten und Jahr reduzieren könne. Dann sei die Verbesserung von Leistungen auch kein Kostenproblem mehr.

Bender machte deutlich, dass sich die Komplementärmedizin in einem Interessenwettkampf befinde: „Es gibt durchaus stärkere Lobbys“. Das Kompetenzforum sei da ein guter Ansatz. Sie erinnerte daran, dass eine europaweite Vernetzung notwendig und sinnvoll ist: Vieles werde inzwischen in Brüssel vorbestimmt. Dort müssten Spielräume gewonnen werden, die in Berlin ausgestaltet werden.

Die Veranstaltung wurde von etwa vierzig interessierten Wählern – Patienten, Heilpraktikern, Ärzten und Arbeitnehmern von Arzneimittelherstellern – besucht. Sie diskutierten intensiv mit den Politikern und machten deutlich, dass sie sich eine stärkere Unterstützung der Komplementärmedizin durch die Parteien wünschen.